Kaohsiung | Teil 2 | Wo viele Farben das Stadtbild zeichnen

Kaohsiung | 7. – 9. Juni 2020

Zwei Tage ohne Remo, die ich ganz nach meinem Gusto, in meinem Tempo, mit meinen Ideen füllen konnte. Ich freute mich eigentlich sehr darauf. Doch als Remo dann so in voller Velomontur vor mir stand und losfahren wollte, spielten meine Emotionen verrückt. Auf einmal schienen diese zwei Tage wie eine kleine Ewigkeit.

Doch bereits kurz nachdem er um die Ecke bog, verabschiedete sich auch das komische Gefühl wieder und ich war bereit, Koahsiung noch etwas besser kennen zu lernen.

Auf Entdeckungstour durch Kaohsiung

Ich machte mich auf den Weg zum Pier 2, eine kleine künstlerische Gegend mit barackenähnlichen Gebäuden, diversen Kunstobjekten, einem Touristen-Zügli und einem angrenzenden Park. Dort genoss ich ein Picknick und beobachtete das Geschehen um mich herum.

Ich musste schmunzeln als ich die Eltern mit ihren Kindern auf dem Zügli sah. Übermotivierte Mütter mit gezückten Handys, um ja keinen Glücksmoment ihres Kindes „uneingefangen“ zu lassen. Und Väter, die das Ganze wohl eher widerwillig mitmachten – das vermittelte jedenfalls der Gesichtsausdruck. 😂

Es war so heiss. Nur schon beim Gehen, kam ich ins Schwitzen. Wie hielt das Remo nur auf seinem Velo aus? Hoffentlich lief alles gut bei ihm.

Das Warenhouse beim Pier 2 war wohl DER Treffpunkt der Gegend. Hier hatte es viele kleine Shops und Restaurants. Leute plauderten, assen, lachten. Ich wollte mir hier eigentlich nur kurz ein Fähre-Ticket für die nahegelegene Cijin Island kaufen. Doch die unbekümmerte Stimmung – und vor allem die wunderbare Klimaanlage – liess mich eine Weile durch das Gebäude schlendern.

Ich war fast die einzige auf der Fähre und genoss die „lüpfige“ Musik, die während der Fahrt gespielt wurde. Erst beim Aussteigen merkte ich, dass die Musik live gespielt wurde. Von einem älteren Herren, der als One-Man-Band auftrat. Er nickte mir strahlend zu. Dieser Mann scheint auf dieser Fähre seine Passion zu leben. So schön.

Die Cijin Island wollte ich mir auf dem Velo etwas genauer anschauen. Das Velo war schnell gemietet. Doch war ich mir nach ein paar Metern nicht ganz sicher, ob es den Ausflug überleben würde.

Die Kette war ziemlich rostig, gab ungesunde Töne von sich und auch das eine Pedal war etwas gekrümmt. Was solls. Einfach mal druflos. Und für 3 CHF Tagesmiete darf ich ja wirklich nichts sagen.

Die nette Frau beim Veloverleih hatte mir eine Karte der Insel in die Hand gedrückt. So fuhr ich eine Sehenswürdigkeit nach der anderen ab. Die Burg, der Tunnel mit Secret-Strand, der beliebte Badestrand. Ich war nicht die Einzige unterwegs. Vor allem die kleinen vierrädrigen Wägelchen waren hier wohl „in“. 😂

Plötzlich fühlte ich mich wie in einer anderen Welt. Ferienstimmung überkam mich. Irgendwie konnte man sich hier gar nicht vorstellen, dass man nur eine 10-minütige Bootsfahrt von der Grossstadt entfernt war. Vielleicht trugen auch die paar Surfer dazu bei, die mit ihren Surfboards am Strand entlang liefen.

Vom Strand aus beobachtete ich die paddelnde Gruppe im Meer. In den 10 Minuten, die ich zuschaute, gab es vielleicht zwei surfbare Wasserbewegungen auf dem Meer. Wellen würde ich das nicht nennen. Aber vielleicht ging es hier auch wieder mehr ums Sehen und Gesehen werden als ums Surfen. 😂

Ich genoss es, im Schlendertempo am Strand entlang zu fahren. Wahrscheinlich war ich gerade etwa 20 km/h langsamer unterwegs als Remo auf seinem Tourenvelo. Mir passte das. Der Fahrtwind machte das heisse, feuchte Klima erträglich und ich genoss es, einfach mal meinen Gedanken nachzuhangen.

An der Küste ging ein schöner Wind. Perfekt zum Drachensteigen:

Eigentlich wollte ich mir den Sonnenuntergang von der Insel aus anschauen. Anscheinend ein Must-see hier in Kaohsiung. Aber das Wetter schlug um und dunkle Wolken zogen auf. Also gings zurück zur Fähre, rüber nach Kaohsiung und dann ins Hostel. Das Velo konnte ich übrigens in einem Stück zurückbringen. 😉

Auf der Suche nach einer guten Internetverbindung landete ich im Starbucks und gönnte mir einen richtig guten aber auch verhältnismässig viel zu teuren Kaffee. Für das gleiche Geld hätte ich am Night Market einen 3-Gänger erhalten. Ich ertappte mich oft dabei, wie ich solche Vergleichs-Rechnungen anstellte. Ich weiss nicht, ob ich mich je daran gewöhnen würde, mit 100er- oder 1000er-Scheinen zu bezahlen.

Im Starbucks arbeitete ich eine Weile und telefonierte später noch mit Remo. Er war zufrieden aber ziemlich erledigt am ersten Etappenziel angekommen. Die Hitze hatte er wohl doch etwas unterschätzt.

Zurück im Hostel genoss ich mein Einzelbett. Wie ein Seestern schlief ich ein und freute mich auf den nächsten Tag.

Heiss, heisser, Kaohsiung

Es hatte wieder 37 °C gemeldet. Wie hält Remo das nur auf dem Velo aus?

Ich genoss mein Frühstück und ging dann los zum Weiwuying Metropolitan Park. Ich wollte mir dort ein schattiges Plätzchen im Freien suchen, um noch ein bisschen zu arbeiten. Das Nationale Kaohsiung Zentrum für Kunst und Kultur zog sofort meinen Blick auf sich. Ein futuristisch aussehendes, weisses Konstrukt mit mehreren Gebäuden, die mit einem riesigen Dach verbunden sind. Im Schatten des gewölbten Daches sassen einige Leute auf Bänken und plauderten fröhlich vor sich hin. Ein Begegnungsort.

Der Park nebenan war wohl ein beliebter Ort zum spazieren und joggen. Auch viele ältere Leute waren in ihren teilweise kitschigen Sportanzügen unterwegs und schwangen ihre Arme übertrieben beim Gehen. Ich muss zugeben, hier sehen auch die geschätzt über 80-jährigen Menschen noch ziemlich fit aus und bewegen sich überraschend athletisch.

Ich schlenderte durch den Park und musste immer wieder meine Kamera zücken.

Schon nach kurzer Zeit war ich durstig. Oje, ich hatte meine Wasserflasche vergessen. So würde ich es in dieser Hitze keine halbe Stunde aushalten. Ich stürchelte etwas unbeholfen durch den Park auf der Suche nach einem Kiosk, Getränkeautomat oder Café. Keine Spur weit und breit.

Dafür entdeckte ich eine Gruppe von Frauen, die sich zu Musik bewegte. Das sah spannend aus. Ist das vielleicht eine taiwanesische Art von Zumba? 😁

Ohne Getränk, ohne mich. Ich wollte mich schon trotzig zurück zum Hostel begeben. Doch in der Metrostation wurde ich dann doch noch fündig und gönnte mir gleich zwei Flaschen eiskalten Grüntee. Herrlich.

Trotz der Hitze zog es mich irgendwie wieder nach draussen. Ich liess mich von meiner Intuition führen und siehe da, ich landete inmitten eines besonders farbenfrohen Quartiers. Die Häuser waren mit allen möglichen Farben und Motiven bemalt. Wahre Streetart. Ich knipste ein Foto nach dem anderen. Remo wäre wahrscheinlich bereits ungeduldig hinter mir hergetigert. Bei diesem Gedanken musste ich lachen und nahm mir fürs nächste Bild extra viel Zeit. 😉

Nach einer Weile war auch bei mir die Luft raus. Es war einfach zu heiss. Bevor es jedoch zurück ins klimatisierte Hostel ging, machte ich mich auf die Suche nach einem leckeren Mittagessen. Ich liess mich von meiner Nase leiten und landete vor einem Frühlingsrollenstand. Lustig, der Stand sah genau so aus, wie derjenige in Chenggong. Was ich genau bestellte, weiss ich bis heute nicht. Ich zeigte einfach auf irgend einen Schriftzug. 😂

Nachdem ich das Zmittag im Hostel verspeist (ich hatte gut getippt), mir eine Dusche und einen Nachmittagsschlaf gönnt hatte, nutzte ich die restliche Zeit zum Arbeiten. Später wollte ich dem Sonnenuntergang in Kaohsiung nochmals eine Chance geben. Doch leider war es wieder bewölkt. Trotzdem zog es mich nochmals ans Wasser, zum Pier 2. Erst da fiel mir auf, dass ich bisher nur einen kleinen Teil des Kunst-Arials gesehen hatte. 😅

Ich gönnte mir einen Spaziergang durch die künstlerischen Werke und anschliessend am Fluss entlang. Love-River heisst der Fluss, der da leise seinen Weg durch die Stadt sucht. Was für ein kitschiger Name. Liebes-Fluss.

Die Geschichte hinter dem Namen ist weniger kitschig. Der ursprüngliche Namen war Takao River. In den 40er Jahren hatte sich aber anscheinend ein Liebespaar in den Fluss gestürzt – Selbstmord. In der gleichen Zeit nahm der Tourismus in Kaohsiung zu und zwei Bootsfirmen eröffneten ihr Geschäft am Ufer. Eine davon hiess Love River Cruise. Der Begriff „Love River“ wurde immer populärer. So entschied man sich 1972, den Fluss offiziell umzubenennen.

Zurück im Hostel gings ans Rucksäcke packen. Ja, Rucksäcke. Meiner und Remos. Er hatte auf seine Velotour nämlich nur das Wichtigste eingepackt. Den grossen Rucksack wollte er eigentlich via Bahn nach Taitung schicken. Aber irgendwie klappte das nicht. Am Bahnhof schickte man uns von einem Schalter zum nächsten, bis wir am dritten Schalter erfahren haben, dass man nur von einem Nachbarsbahnhof aus, Gepäck „verschicken“ kann.

Plan A mussten wir uns also abschminken. Plan B: Julia wird zum Lastesel.

Das „langersehnte“ Wiedersehen

Gut gestärkt machte ich mich also am nächsten Morgen mit den zwei Rucksäcken auf den Weg zum Hauptbahnhof. Ich kassierte einige mitleidige, erstaunte und fragende Blicke. Zum Glück hatte ich das richtige Gleis auf Anhieb gefunden und konnte dann die Fahrt ohne weiteres Umsteigen bis Taitung geniessen. Ich nutzte die Zeit um an den Blogbeiträgen weiterzuschreiben und Fotos zu sortieren. So waren die drei Stunden im Nu vorbei.

In Taitung erwartete mich Remo bereits. Er lachte, als er mich mit den beiden grossen Rucksäcken antraben sah. 😂

Wenig später sassen wir bereits wieder im Bus nach Donghe. Wir wollten nochmals zwei Wochen in unserem kleinen Surferdörfchen verbringen und möglichst viel Surfen. Man könnte meinen, dass wir den Weg dorthin langsam auswendig kennen würden. Doch wiederum schafften wir es, bei der falschen Bushaltestelle auszusteigen. Dieses Mal eine Haltestelle zu früh. 😂

Willkommen zurück in Jinzun

In Jinzun trafen wir wiederum auf ganz spannende Charaktere. Und auch die Wellen meinten es gut mit uns. Trotzdem lief nicht ganz alles nach Plan.

Welche Pleiten und Pannen uns in Jinzun erwarteten und wie ich unverhofft zu einem Coiffeur-Termin kam, erfahrt ihr im nächsten Blogbeitrag.

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