Süd-Taiwan | Wo ich mich nochmals aufs Velo schwang

Kaohsiung bis Taitung | 7. – 9. Juni 2020

Stellt euch vor, der Start meiner Velotour war zugleich die erste Trennung von Julia. Seit nun mehr als drei Monaten reisten und verbrachten wir fast jede Stunde zusammen. Dies war wohl für uns beide ein etwas spezieller Moment. Julia musste sogar kurz vor meiner Abfahrt ein kleines Tränchen verdrücken. Eigentlich ganz schön, mal selbst an der Tastatur zu sitzen. So kommen solche Details auch mal zum Vorschein 😊

Nun aber zur Velotour.

1. Etappe | Kaoshiung Station – Checheng (91km)

Ich suchte auf Google Maps nach der schnellsten Route aus der Stadt. Nach zwei Richtungsänderungen war ich bereits auf dem Bikeway Nr. 1. Der Weg war also einfach zu finden und ich trat in die Pedalen, um etwas vorwärts zu kommen. Doch bereits nach 500 Meter wurde ich von einem Rotlicht gestoppt. Wie nervig. Ein Grund mehr, nicht in einer Stadt zu leben. So ging das ungefähr eine Stunde und gefühlt 100 rote Ampeln weiter. Als es dann „richtig“ los ging, vermisste ich die vielen Pausen von zuvor schon fast ein wenig. Im Leben ist es halt oft so, dass man sich das wünscht, was man gerade nicht hat. So auch beim Velofahren.

Die Hitze war erdrückend. Nicht nur der Sonnenschein von oben, sondern auch die Hitze, welche vom Asphalt abgestrahlt wurde, machte mir zu schaffen. Die Temperatur belief sich auf 36° C und keine Wolke oder Schatten weit und breit.

Gut kam Julia nicht mit, dachte ich mir. Gleichzeitig beneidete ich sie auch eine wenig, da sie wohl zu dieser Zeit in der gekühlten Hostellobby am arbeiten war. Kurzzeitig dachte ich sogar daran, Julia recht zu geben, dass es eventuell etwas unvernünftig war, mittags um 11.00 Uhr mit der Velotour zu starten. Jedoch war die Vernunft noch nie so meine Stärke, was mitunter der Grund für sehr viele schöne Erlebnisse in meinem Leben war. Ich schweife ab.

Nach einer weiteren Stunde und 1.5 Liter „Super Supau“ machte ich meine erste Pause. Die Getränkereserven mussten aufgefüllt werden. Zudem hatte ich noch kaum was gegessen. Nach einer Portion Spaghetti ging es weiter.

Allmählich kam ich in einen guten Rhythmus und konnte einige Kilometer abspulen. Die Etappe hatte kaum Steigung, was mir eigentlich noch ganz gut gefiel. 😉

Und wieder mal war ich sehr froh, einen eigenen „Motorrad-/Velostreifen“ zu haben. Denn das Verkehrsaufkommen war einigermassen gross. Sonntag lässt grüssen. Zumindest war ich auf der „richtigen“ Strassenseite. Denn auf der gegenüberliegenden Spur fing es an zu Stauen. Ich fragte mich, wie die Verkehrslage ohne COVID19 aussehen würde.  

Je mehr ich mich von Kaoshiung entfernte, desto mehr fing es an, mir zu gefallen. Die Strasse führte direkt entlang der Küste. So hatte ich die grün bewachsenen Berge zu meiner linken und das Meer zu meiner rechten Seite.

Nach 4 Stunden und 20 Minuten Fahrzeit kam ich schliesslich überglücklich und zugleich erschöpft in Checheng an. Genüsslich gönnte ich mir hier nach dem Duschen und dem Essen zwei grosse Bierchen im etwas einsamen „Gemeinschaftsbereich“ des Hostels.

Froh und zugleich auch ein wenig stolz auf meine Leistung freute ich mich darauf, mich todmüde ins Bett fallen zu lassen. Das mit dem „Fallen-lassen“ wurde dann leider nichts. Ich hatte das obere Bett im Doppelbett erwischt. Apropos Doppelbett. Da kam mir gleich Mani Matter in den Sinn:

2. Etappe | Checheng – Taimali (96 km)

Der Wecker klingelte um 5.30 Uhr. Mein Zimmergenosse schien auf diesen Moment gewartet zu haben. Ich konnte noch kaum meine Augen öffnen und er hatte bereits einen „Satz“ aus dem Bett genommen und war beim Lichtschalter. Diesen betätigte er dann auch erbarmungslos. Julia hat das mit dem sanften Wecken eindeutig besser im Griff als er.

Nach dem ich all meine sieben Sachen gepackt, die Wasserreserven aufgefüllt und etwas Kleines gegessen hatte, ging es um 6.15 Uhr los. Das Wetter schien optimal zu sein. Die Temperaturen beliefen sich um die 22° C und der Himmel war leicht bewölkt. Nicht mal die Sonne konnte mir was anhaben. Diese war zu diesem Zeitpunkt noch hinter den Bergen versteckt.

Voller Motivation trat ich also in die Pedalen. Zu Beginn schlängelte sich die Strasse ein kleines Tal entlang in Richtung Berge. Schliesslich wurde die Strasse immer steiler und mein Tempo verlangsamte sich rasant. Jedoch störte mich dies kaum, denn Taiwan zeigte sich wieder mal von einer seiner schönsten Seite. Die Strasse führte teilweise entlang eines kleinen Baches, eingebettet von schönen Wäldern. Ab und zu passierte ich kleine Dörfchen und Seen. Schön, durfte ich dies auf diese entschleunigte Art erleben.

Nach ungefähr 1.5 Stunden erreichte ich dann den „Gipfel“. Hier gönnte ich mir eine kleine Verschnaufpause, bevor ich mich anschliessend von meinem Velo an die Ostküste transportieren lies. Ich musste knapp 30 Minuten nicht einmal in die Pedalen treten. Wie cool ist das denn!

Unten am Fuss des „Berges“ angekommen gönnte ich mir ein Zmorge im 7-11. Anschliessend schwang ich mich wieder auf den Sattel. Mein Hintern kannte diesen mittlerweile schon recht gut. Schliesslich hatte ich schon wieder mehr als 45 km zurück gelegt. 😅

Nach fünf Minuten Fahrt befand ich mich direkt an der Küste. Ein wunderbares Erlebnis.

Keine Ahnung wieso, aber irgendwie verlieh mir das Meer – oder war es vielleicht der Frühstückskaffee? – extrem viel Kraft und ein super Gefühl im Bauch. Dies hielt ungefähr 1.5 Stunden an und ich konnte etliche Kilometer abspulen. Bei Kilometer 70 setzte die Müdigkeit ein. So hielt ich langsam Ausschau nach einem geeigneten Ort für mein Zmittag. Wer hätte es gedacht? Ich landete wieder im 7-11, weil es einfach, unkompliziert, günstig und gut ist. 😉

Nun setzte die Hitze wieder ein. Zum Glück hatte ich nur noch 10 km zu absolvieren. Nach insgesamt 4 Stunden und 50 Minuten Fahrzeit erreichte ich schliesslich das Hostel, in dem ich für die nächste Nacht einquartiert war.

Die Gastgeber waren sehr nett und ich fühlte mich fast ein wenig schlecht den so aufgestellten Leuten gegenüber. Denn nach zwei Tagen Velofahren, konnte ich nicht annähernd so viel Enthusiasmus an den Tag legen wie sie.

Wieder mal gönnte ich mir zwei Bierchen und ging anschliessend mit einem guten Gefühl ins Bett.

3. Etappe | Taimali – Taitung Station (23 km)

Am dritten Tag lies ich mir etwas Zeit mit dem Aufstehen. Schliesslich hatte ich erst um 11.00 Uhr mit Julia am Bahnhof von Taitung abgemacht. Nach einer Dusche das übliche Prozedere: Packen, Wasser auffüllen, etwas Kleines essen und los.

So befand ich mich kurze Zeit später wieder an der Küstenstrasse in Richtung Norden. Kurz vor Taitung führte mich Google-Maps weg von der Küste ins Landesinnere. Der Weg führte entlang an diversen Reis- und Gemüsefeldern. Letztendlich passierte ich auch einige Bauernhöfe, welche unseren in der Schweiz nicht mal so unähnlich waren. Ich war positiv überrascht, wie nahe die Landwirtschaft hier der Stadt gelegen ist.

Nach knapp einer Stunde bog ich triumphierend auf die Bahnhofstrasse ein. Mit einer Fahrzeit von insgesamt 9 Stunden und 10 Minuten unterbot ich die „Google-Zeit“ um knapp vier Stunden. 😎

Das Abgeben des Velos war sehr unkompliziert und ging schnell von statten. So konnte ich kurze Zeit später Julia in meine verschwitzten Arme schliessen. 😊

Alles in allem hat sich die Radtour sehr gelohnt. Vor allem der zweite Tag war grossartig und ich würde dies jedem weiterempfehlen.

Wie Julia ihre drei Tage ohne mich erleben durfte und wie mein grosser Rucksack von Kaoshiung nach Taitung kam, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

2 Kommentare zu „Süd-Taiwan | Wo ich mich nochmals aufs Velo schwang

  1. Danke, eure Reiseberichte sind der Hanmer!

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