Jinzun | Teil 7 | Wo Surfbegeisterte gut aufgehoben sind

Jinzun | 10. – 21. Juni 2020

Bereits auf dem Weg zum Surfhouse fiel uns etwas sofort auf: Wir hatten die Reisernte verpasst. Wie schade. Das hätten wir wirklich gerne miterlebt. Ein leichter Reis-Duft hing noch in der Luft.

Zurück im Surfhouse wurden wir von neuen Leuten begrüsst. Das 6-Betten-Gemeinschaftszimmer, in welchem wir für die kommenden zwölf Tage einquartiert waren, war ausgebucht. Unsere „Mitbewohner“ möchten wir euch kurz vorstellen:

  • Niu kommt ursprünglich aus Taiwan, hat aber die letzten zwei Jahre in Australien gelebt und musste wegen COVID-19 zurückkehren. Sie ist eine Surferin aus Leidenschaft und ihre Augen strahlten jedes Mal, wenn sie von Australien oder dem Surfen erzählte. Niu ist wohl die ausgeglichenste und gleichzeitig aufgedrehteste Person, die wir in Taiwan kennen lernen durften.
  • Eli beschreibt man am besten als übermütiges Plappermaul. Mit Eli gab es selten eine ruhige Minute. Sie ist Deutsche und kam vor einigen Monaten nach Taiwan, um hier Chinesisch zu lernen. Doch nicht nur ihr Chinesisch hörte sich ziemlich gut an, auch in Englisch fand sie immer die richtigen Worte. Nur beim Anblick von Insekten, hörte bei ihr der Spass auf. Und in Jinzun gab es viele Insekten. Arme Eli. 😅

Niu und Eli waren übrigens die neuen Volenteers im Surfhouse. Sie lösten Fiona und Dara ab, die kurz zuvor abgereist waren, um den Westen der Insel zu bereisen.

  • Dann war da noch Kelvin, den wir bereits von unserem vorherigen Aufenthalt kannten. Seine Wurzeln liegen ebenfalls in Taiwan, aber er wuchs in Amerika auf und lebte die letzten Jahr in Shanghai. Das Surffieber hatte ihn so richtig gepackt und er hängte eine zusätzliche Woche in Jinzun nach der anderen an. Aus einer Woche wurden so sechs Wochen Aufenthalt im Surfhouse. Und auch seine Surfskills verbesserten sich von Tag zu Tag.
  • Zudem gesellte sich Ethan, ein lustiger Geschichtslehrer aus der USA, für ein paar Tage zu uns ins Zimmer. Was er alles wusste, war echt spannend. Er unterrichtete bereits zwei Jahre an einer International School in Taiwan und kannte sich auch mit der Geschichte von Taiwan sehr gut aus.

Wir verstanden uns alle auf Anhieb, da uns eine Leidenschaft verband: Das Surfen. Bereits am ersten Abend breitete sich bei uns im 6-Bett-Zimmer eine Art „Lagerstimmung“ aus. Wie damals als wir jünger waren und eine Woche im Fussball- oder Unihockeylager verbrachten.

Nachdem das Licht gelöscht war, hörte man noch von jedem Bett ein „Good night“. Remo und ich teilten uns ein Doppelbett. Er unten, ich oben. Geschnarcht wurde zum Glück nur selten. Und wenn, dann nur unter mir. 😋

Hallo Swell

Unser Timing war grandios. Für das Wochenende war ein Taifun angesagt, der an der Insel vorbeizog und so ein paar grössere Wellen nach Jinzun bringen sollte. Zwischen 6-7 ft hoch, also rund zwei Meter, sollen die Wellen sein. So grosse Wellen waren wir zuvor noch nie gesurft.

Also warteten wir voller Vorfreude auf das Wochenende. Der Samstagnachmittag war perfekt. Cleane Wellen bis zu 7 ft hoch. Es kostete etwas Überwindung, diese hohen Wellen anzupaddeln. Doch wenn man mal auf der Welle war, so voller Adrenalin, wünschte man sich, dass der Moment niemals enden würde.

Dann fing es an zu regnen. Es war wundervoll. Denn die Regentropfen tanzten wie kleine Perlen auf der Wasseroberfläche. Von solchen Surf-Glücksmomenten hatten wir die letzten Jahre geträumt und hier waren wir nun. Wir waren so glücklich, dankbar und stolz, dass wir uns diesen Traum erfüllt hatten. Unsere Herzen tanzten mit den Wasserperlen um die Wette.

Auch nachdem wir das Wasser verlassen hatten, waren wir immer noch total geflashed von den Eindrücken. Ein Mann kam auf uns zu und zeigte uns den Daumen hoch. „Very good.“ Er hielt eine Kamera in der Hand mit einem riesigen Objektiv. Seine Frau kam ebenfalls zu uns und sprach uns auf Englisch an.

Es stellte sich heraus, dass dieses ältere Pärchen jedes Jahr für ein paar Wochen in die Schweiz nach Luzern kommt, weil dort eine gute Freundin wohnt. Sofort hatten wir einen Draht zueinander. Daher fragten wir etwas verlegen, ob sie allenfalls auch ein paar Schnappschüsse von uns hätten. Sie nickten stolz und wollten uns diese via E-Mail schicken. Was für ein Glückstreffer. Jetzt gab es sogar ein paar professionelle Fotos von uns.

Wir mussten lachen, als wir ein paar Tage später die E-Mail mit den Fotos erhielten. Die liebe Frau hatte es etwas sehr gut gemeint mit der Bildbearbeitung, sodass die Fotos nun „fast“ etwas kitschig wirken. Seht selbst. 😂

Pleiten, Pech und Pannen

Damit das Surfboard bei einem „Sturz“ im Wasser nicht jedes Mal ans Ufer gespült wird, befestigt man es mit einem dehnbaren Plastikseil, einer sogenannten „Leash“, am hinteren Bein. Dass eine Leash auch mal reissen kann, hatten wir auch schon bei anderen Leuten gesehen.

Remo hatte einmal einen jungen Surfer aus dem Meer „gerettet“, den es ohne Surfboard gefährlich nahe an die Steine getrieben hatte. Dort ist die Strömung sehr stark und ohne Auftrieb des Surfboards kommt man fast nicht mehr ans Ufer. Der junge Mann war total durch den Wind, als er endlich zusammen mit Remo zurück an Land war. Sein Longboard hatte einen Totalschaden. Es war mehrmals an die Steine geknallt. Da kann man nur hoffen, dass man nie in dieselbe Situation gerät.

Doch das blieb leider nicht der letzte Leash-Zwischenfall:

Bei Remo riss die Leash, als er mit einem Softboard – ein Board mit Schaumstoffhülle für mehr Auftrieb – auf Wellenjagd war. Zum Glück hatte das Softboard nur eine kleine Beule abbekommen, als es an den steinigen Strand zurück geschwemmt wurde. Remo konnte sich ohne Probleme zurück ans Ufer retten. Er liess sich mit dem Weisswasser zurück ans Land treiben.

Dass mir dasselbe nur ein paar Tage später in den grossen, wilden Taifun-Wellen passieren würde, ahnte ich da noch nicht. Auch mir ist zum Glück nichts passiert und ich konnte mich auch ohne Surfboard aus den grossen Wellen zurück ans Ufer treiben lassen. Nur leider wurde das Board beim Aufprall auf die Steine so stark beschädigt, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnte.

Was lernten wir daraus? Es lohnt sich das Surfmaterial vor jedem „Ritt“ zu prüfen und altes bzw. oft gebrauchtes Material von Zeit zu Zeit zu ersetzen.

Wenn eine Leash reisst, sollte man in den Wellen einen kühlen Kopf bewahren und nicht in Panik ausbrechen. Am besten man macht auf sich aufmerksam und lässt sich von den bereits gebrochenen Wellen zum Strand zurücktreiben.

Coiffeur auf Taiwanesisch

Im Surfhouse hatte es noch einen weiteren Gast: Ann. Die junge, ursprünglich aus Taiwan stammende Frohnatur lebte die letzten Jahre in der USA, kam aber als COVID-19 ausbrach zurück nach Taiwan, um bei ihren Eltern zu leben. Sie war – neben Ethan – wohl der klügste Kopf im Surfhouse und arbeitete bereits einige Jahr als Dozentin an verschiedenen Universitäten. Wir staunten nicht schlecht, als sie meinte, dass sie zu den über 40-jährigen gehöre. Wieder einmal hatte uns der „asiatische Touch“ reingelegt.

Eines Abends kam sie total aufgestellt und irgendwie verändert zurück zum Surfhouse: Sie hatte eine neue, freche Haarfrisur. Anscheinend hatte sie über Ula erfahren, dass es ganz in der Nähe einen Coiffeur gibt. Und das Resultat konnte sich wirklich sehen lassen.

Coiffeur auf Taiwanesisch? Das wollte ich auch erleben. Also war ich für die folgende Woche ebenfalls zum Haareschneiden angemeldet.

Der „Coiffeursalon“ war etwa 15 Minuten von unserem Surfhouse entfernt. Also eigentlich war es ein Surfshop – mit einem Coiffeur-Stuhl im hinteren Teil des Ladens. 😂

Ich war sehr froh, dass Niu mich begleitete. Sie wollte sich nur kurz im Surfshop umschauen. Aber schliesslich sprang sie dann als Dolmetscherin ein. Wer weiss, mit welcher Frisur ich ansonsten aus dem Laden gelaufen wäre. 😅

Als der Coiffeur ohne Haarewaschen an meinen Haarspitzen herumschnipselte, war ich etwas irritiert. Er habe hier halt keinen Wasseranschluss, daher ohne Waschen. Aber das ginge ja auch so ganz gut. Ich musste schmunzeln.

Der junge, braungebrannte Coiffeur, der übrigens auch bereits über 40 Jahre alt war, schnitt mit ganz viel Gefühl an meinen Haaren herum und plauderte währenddessen mit Niu. Von Zeit zu Zeit übersetzte sie mir, was er erzählt hatte. Eigentlich arbeitet er in Taipeh als ziemlich bekannten „Hairdresser“. Aber einmal pro Woche kommt er an die Ostküste, um zu surfen und nebenbei noch ein paar Leute hier zu frisieren.

Als ich erzählte, dass ich meine blonden Haare dem Salzwasser und der Sonne zu verdanken hätte, war er sichtlich neidisch und meinte, er müsse wohl auch mehr Zeit im Meer verbringen. 😂

Fertig geschnitten und geföhnt. Ich bedankte mich und war zufrieden. Mein Haar sah wieder gesünder aus ohne die dünnen Spitzen. Schliesslich landeten doch einige Zentimeter auf dem Boden. Ich fragte nach dem Preis fürs Haareschneiden. Er meinte 300 TWD. Das sind CHF 9.00.

Ich stutzte und gab ihm eine 500er Note, was ja eigentlich verhältnismässig immer noch sehr wenig war. Er konnte seine Freude nicht verstecken. Es war anscheinend nicht üblich, dass er als Coiffeur Trinkgeld erhielt. Zumindest nicht hier an der Ostküste.

Wasserfall? Nichts wie hin

Wandern ist an diesem Küstenabschnitt nicht so bekannt. Doch Ula meinte, dass es da einen coolen Wasserfall im Dschungel gäbe, denn man innerhalb von einer Stunde erreichte.

Ann war bereits einmal dort und spielte für Eli, Niu und uns die Touristenführerin.

Nachdem wir uns zweimal verfahren hatten, fanden wir doch noch den Ausgangspunkt des „Spaziergangs“. Ula meinte, man könne „locker“ mit Flipflops gehen. Also liessen wir unsere Trekkingschuhe im Surfhouse.

Doch so locker war es dann doch nicht. Und vor allem warnten bereits am Ausgangspunkt einige Schilder vor Schlangen. So kam es, dass wir uns mit einem „Schlangenstock“ bewaffnet durch den Dschungel zwängten. Niu, ging voraus und kloppte mit dem Ast immer wieder auf den Boden. Die Schlangen würden diese Vibration spüren und sich verziehen – so die Theorie. Auch wir nahmen uns einen Ast und taten es Niu nach. Ganz geheuer war uns das Ganze nicht.

Schlangen sahen wir keine. Aber unterwegs ging prompt der eine Flipflop von Eli kaputt, als sie bei einer Wurzel hängenblieb. Sie und Ann stoppten also beim erste Wasserfall-Becken. Niu und wir zwei kämpften uns weiter zum grossen Wasserfall. Es kamen uns zwei Gruppen entgegen, die uns etwas ungläubig begutachteten. Sie trugen geschlossenes Schuhwerk und Wanderstöcke. So fühlt man sich also, wenn man „in den Bergen“ als „Tourist“ abgestempelt wird. 😂

Es hatte sich gelohnt den Weg bis ganz nach oben zu verfolgen. Und hier waren Remos Finken wohl etwas ganz besonderes. Zwei Schmetterling konnten sich auf den Schlarpen nicht satt-sitzen. 😋

Beim Zurückgehen musste auch noch Nius Finken dran glauben. Die eine Schnalle riss beim Klettern über die grossen Steine und so waren wir alle doch etwas erleichtert, als wir dann endlich wieder beim Rollerparkplatz ankamen.

Tschüss Jinzun

Wer hätte es gedacht: An unserem letzten Tag in Jinzun haben wir dann tatsächlich noch zwei Schweizerinnern kennen gelernt. Sie studierten in Taipeh und waren aufgrund von COVID-19 ebenfalls auf der Insel „gefangen“. Anstatt Trübsal zu blasen, genossen sie die Insel und machten eine Radtour – mit Surfstop in Jinzun. Es war ein tolles Gefühl, wieder mal unser Schweizerdeutsch auszupacken. 😊

Und dann kam er: Der Abschied.

Eigentlich wollten wir am Abreisetag nochmals eine Morgen-Surfsession einlegen. Aber da waren keine Welle. So flach war es vorher nur selten. Als ob uns der Ort sagen wollte: Es ist okay, wenn ihr jetzt weiterzieht.

Remo fühlte sich beschissen. Wortwörtlich. Auf dem Weg zum Meer hatte sich nämlich ein Vogel über uns erleichtert. Dieses „Paket“ landete dann bei Remo im Bart und am Hals. Lecker. Ich lachte natürlich. Doch als wir zurück im Surf House waren, bemerkte Remo, dass auch ich eine Ladung abbekommen hatte. Voll auf die Brust. Gut getroffen, kleiner Scheisser.

Dann kam der Abschied. Dieser fiel uns schwer, da uns der Ort und die Leute doch sehr ans Herz gewachsen waren. Ula brachte uns wiederum mit seinem Van zur Bushaltestelle und meinte nur: „Keine Angst, wir haben euch jetzt einen kleinen Samen in den Kopf gesetzt. Irgendwann werdet ihr morgens erwachen und wissen: Wir müssen zurück nach Jinzun.“ Wer weiss. 😅

Als Ula gegangen war und wir auf den Bus warteten, kamen dann bei mir doch noch ein paar Abschiedstränen. Ach, es war einfach eine perfekte Zeit in Jinzun – super Leute, gute Surfsessions und eine tolle Stimmung. Und doch waren wir jetzt bereit für etwas anderes: Die Berge riefen.

Ab in die Berge

Nach der Busfahrt zurück nach Taitung, gönnten wir uns am Bahnhof noch ein 7-Eleven-Zmittag. Während wir am essen waren, kam plötzlich eine Frau auf uns zu und sprach uns auf Chinesisch an. Wir verstanden natürlich kein Wort. Sie zeigte ungläubig auf unsere riesigen Rucksäcke und war begeistert. Sie holte ihre Freundin und die beiden schnallten sich unsere Rucksäcke um.

Ganz stolz liessen sie sich fotografieren, kicherten und gigelten um die Wette.

Dann gings los mit dem Zug Richtung Norden. Luodong war unsere nächste Haltestelle, wo wir dann am darauffolgenden Tag von June, Fiona und Dara abgeholt wurden. Eine 3-Tages-Wanderung im Shei-Pa Nationalpark stand auf dem Programm. Wir freuten uns riesig auf das Wiedersehen.

Warum wir im Zug nach Luodong 4 x Platzwechseln mussten und wie es uns anschliessend auf über 3000 m.ü.M. ergangen ist, erfährt ihr im nächsten Beitrag.

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