Wai’ao | Wo die Wellen und Berge nach uns ruften

Wai’ao | 13. – 16. März 2020

Nach Jiufen und Shifen ging unsere Reise via Zwischenstopp in Fulong weiter nach Wai’ao.

Transfertag. Natürlich regnete es also wieder einmal in Strömen. Wir gönnten uns in Fulong einen seeehr langen Kaffeestop − bis es nicht mehr regnete − und sahen uns dann den Strand an. Ausgestorben. Gesperrt. Ein paar Männer entfernten die Lichterketten von der Brücke, die zum Strand führte. Weitere Menschen mähten den Rasen, nahmen Unterhaltsarbeiten vor. Wir schlossen daraus, dass man sich hier bereits auf den Sommer vorbereitete. Aber im Moment war tote Hose.

Mit dem Zug ging’s weiter nach Wai’ao, wo wir uns am Meer für drei Tage ein Zimmer in einem Hostel gebucht hatten. Und was für ein Zimmer. Wir haben das Hello-Kitty-Zimmer gekriegt. 😂

Auf der Suche nach etwas Essbarem, zweifelten wir aber plötzlich an unserem neuen Ausgangspunkt. Es hatte keine Shops in der Nähe. Wo ist der 7-Eleven, wenn man ihn braucht? So tigerten wir − halb verhungert − durch Wai’ao und sahen dabei den grossen Hafen, zwei riesige Hotelkomplexe im Bau und den „schwarzen“ Strand. Ja, der Sand dort ist schwarz. Nicht weit weg liegt die Vulkaninsel Guishan Dao. Der schwarze Sand entstand durch die Erosion von vulkanischem, schwarzen Gestein. Mal etwas anderes.

Nach einer 2-stündigen Erkundungstour − immer noch ohne Snack − machten wir uns auf zurück zum Bahnhof von Wai’ao. Dort hatten wir bei unserer Ankunft ein kleines Café gesehen. Unsere letzte Hoffnung. Und siehe da, plötzlich fanden wir uns vor genau dem, was wir jetzt brauchten:

Eine coole Surfer-Bar, die Pizzas anbot. Der Abend war gerettet 😉

Zürück im Hostel fielen wir kaputt von der Reiserei und der Entdeckungstour ins Bett. Denn wir wussten, morgen geht’s ab in die Wellen. Wuupwuup. Voller Vorfreude gaben wir uns dem Traumland hin.

Erster Surftag in Taiwan

8.30 Uhr Frühstück. Und was für eines. Ein ganzer Teller voll. „Good food for surfing“ meinte die herzliche Hausbesitzerin. Sogar ich als „Zmorgetiger“ hatte zu kämpfen.

Gestern angenehme 25 Grad. Heute gefühlte 15 Grad, windig, kalt. Trotzdem zwängten wir uns in Neoprens und folgten „Wushiwushi“, so nannten wir unseren „Gastvater“ liebevoll, zum Strand.

Es war klasse, wieder einmal im Meer zu sein. Wir, unsere Surfboards und die Wellen. Es war mehr „Whitewash“ und „Waschmaschinen-Feeling“ als etwas anderes, aber für unseren ersten Surftag völlig okay. Wushiwushi beobachtete uns und streckte uns immer wieder aufmunternd ein „Daumen-hoch“ entgegen.

Man brachte uns fast nicht mehr aus dem Wasser. Vielleicht lag es daran, dass das Wasser gefühlt wärmer war als die kalte, windige Luft. Nach zwei Stunden war bei uns dann aber die Puste raus und wir kehrten zum Hostel zurück. Surfboard-Transport inklusive durch Wushiwushi’s Quad. Ein cooler Typ.

Zum Zmittag bestellten uns die Hausbesitzer eine leckere Lunch-Box. Und unsere „Gastmutter“ servierte uns dazu noch selbstgemachte Muschelsuppe. So härzig.

Wir beide sind eigentlich keine Seafood-Möger. Doch wir nutzten die Gelegenheit, um wieder einmal Muscheln zu kosten. Und siehe da, so schlimm wie die letzten Male war das gar nicht. Wir verzehrten die ganze Suppe − natürlich ohne Schalen und freuten uns über die Extraportion Proteine.

Nach einem 1-stündigen Mittagsschlaf gings zurück ins Meer. Wushiwushi hatte einen anderen Spot für uns im Sinn und führte uns mit seinem Surfbus zum Spot etwa 10 Minuten weiter nördlich. Da waren deutlich mehr Surfer im Wasser. Wir stürzten uns nochmals 2 Stunden ins Meer und waren dann fix und foxi.

Zurück im Hostel waren bereits zwei Sweet Potato-Snacks für uns bereit. „Sie sind so härzig“ − war wohl mein am häuftigsten gesagter Spruch in den drei Tagen in diesem Hostel. Das Hausbesitzer-Pärchen war so zuvorkommend und immer wenn wir etwas fragten, kam ein „Nooo prooblem“ von Wushiwushi. Er war mit sich voll im Reinen. Das merkte man, wenn er einfach stundenlang draussen sass und vor sich hinträumte, mit vorbeigehenden Leuten schwätzte oder sich eine Zigarette gönnte.

Nach einer warmen oder besser heissen Dusche liessen wir den Abend auf unserer Terrasse ausklingen. Bereits jetzt machte sich der Muskelkater am ganzen Körper bemerkbar. Tolles Gefühl. Wir freuten uns auf die bevorstehenden Surfwochen, die wir für Ende März gebucht hatten.

Dann gings wieder früh in die Heia. Remo hatte für uns eine coole Wanderung herausgesucht. Also machten wir uns am nächsten Tag auf nach Jiaoxi.

Die Völkerwanderung

Von dort aus gab es eine Wanderung, die im AllTrails-App als „moderat besucht“ und „moderate Steigung“ angegeben wurde − der Wufengqi and Tongtianqiao Trail. Genau das richtige für uns nach dem gestrigen Surftag. Dachten wir.

Gleich zu Beginn des Trails gab es einen wunderschönen Wasserfall. Auf dem Weg dorthin, sammelten sich immer mehr Leute an. Das war wohl DIE Sonntagsbeschäftigung − sich diesen Wasserfall anzusehen.

Falsch gedacht. Vorbei an einer katholischen Kirche − eher selten hier − startete die Wanderung. Oder sollten wir sagen − der Pilgerweg? Wir waren nämlich schon lange nicht mehr alleine. Die ausgesuchte Wanderung war wohl DIE Sonntagsbeschäftigung für Kind und Kegel.

Der Weg war landschaftlich sehr eindrücklich. Zuerst auf einem gemütlichen Kiesweg durch den Wald, dann entlang eines Baches Stufe für Stufe dem Gipfel entgegen. Stufen waren wir uns ja jetzt gewöhnt (Jiufen sei Dank).

Unterwegs sahen wir Affen. Das erste Mal in freier Wildnis. So cool. Einer hatte besonders Freude an mir und liess ein Fuder „Affenkacke“ direkt neben mir zu Boden. Glück gehabt. Wir gingen schnell weiter. Remo konnte sich natürlich vor Lachen nicht mehr halten.

Den ersten Teil der Wanderung konnten wir noch relativ zügig absolvieren. Dann landeten wir inmitten einer Völkerwanderung. Wirklich. 😂

Nach gefühlt 10’000 Stufen und mit gefühlt 10’000 anderen Menschen erreichten wir den Gipfel. Auch hier tummelten sich die Leute. Und wir staunten nicht schlecht, was für unterschiedliche Charaktere wir hier sahen. Nur schon das Schuhwerk zu betrachten war einmalig.

Da gab es Menschen mit

  • Flipflops,
  • Sandalen (teilweise inkl. Wollsocken),
  • Gummistiefeln (sehr verbreitet, die Gummistiefel sind aber meistens nur so „halbhoch“ bis über die Knöchel),
  • Wanderschuhen,
  • Turnschuhen,
  • Halbschuhen, Hemd und Anzughose (ja, da staunten wir nicht schlecht),
  • Winterstiefeln,
  • und Trekkingschuhen (so wie wir).

Wir genossen die Aussicht ins Grüne. Schön.

Nach einem Snack und einer kurzen Pause tritten wir den Rückweg an und kamen nach gefühlt 10’000 Minuten wieder im Tal an. Nicht wir, sondern die 10’000 Menschen vor uns gaben das Tempo an. Es hatte fast etwas Meditatives. Doch unsere Geduld wurde hart auf die Probe gestellt.

Zurück im Hostel gönnten wir uns einen Nuddeltopf und packten unsere Sachen für eine Zweitags-Wanderung. Wir wollten den berühmten Coaling Historic Trail machen und unterwegs in den Bergen zelten.

Wow, wow, wow

Ein weiteres „Nooo prooblem“ von Wushiwushi (wir durften unsere grossen Backpacks für einen zusätzlichen Tag im Hostel stehen lassen) und schon zottelten wir mit dem kleinen Tagesrucksack, Zelt, Schlafsäcken und Mätteli los.

Zuerst ging es mit dem Zug zurück nach Fulong. Dort startet der „Caoling Historic Trail“. Zu Beginn ging es einer Strasse entlang, rechts und links Palmen und Felder. Wir passierten ein paar sehr schöne Gärten und Reisfelder. Ab und zu winkten uns die „Gärtner“ mit ihren grossen, runden Strohhüten zu und wir hörten ein freudiges „Hello, hello“.

Dann gings bergauf. Wieder Stufen über Stufen. Wer sich wohl die Mühe gemacht hat, all diese Wanderwege mit Steinplatten zu zieren? Das ist natürlich etwas langlebiger als die Holzstufen, die man in der Schweiz oft findet. Aber wenn man bedenkt, dass jemand all diese Steine mühsam auf den Berge gehieft hat, sind wir doch sehr fasziniert.

Nach etwa zwei Stunden Aufstieg waren wir auf dem höchsten Punkt des Trails angelangt. Irgendwo hier wollten wir eigentlich unser Zelt aufschlagen und am nächsten Tag den Sonnenaufgang geniessen.

Aber der Weg, der sich da auf der rechten Seite einen weiteren Hügel hochschlängelte, konnten wir uns einfach nicht entgehen lassen. Also änderten wir unsere Route und hängten den Taoyuan Valley Loop an. Nach einem kurz Aufstieg fanden wir uns im „Auenland“ wieder:

Wir genossen die wunderschöne Aussicht und immer wenn wir wieder auf einem Hügel waren, sahen wir wohin der Weg uns führen würde und sagten uns „Okay, diesen Hügel schaffen wir auch noch“. So wanderten wir dem Sonnenuntergang entgegen.

Der Wind wurde immer stärker und so wollten wir uns für die Nacht einen „windstillen“ Ort suchen. Das war gar nicht so einfach, ganz oben auf der Krete. Im Halbdunkeln stellten wir unser Nachtlager auf und assen im Zelt unser Znacht: Toast mit Käse und Chips. Perfekt.

Es war eine lange, windige Nacht. Viel Schlaf gab es nicht, da wir immer wieder das Gefühl hatten, wir würden gleich mit dem Zelt „abheben“. 😂

Um 5.30 Uhr stellten wir den Wecker, um den Sonnenaufgang zu schauen. Doch anstatt die Sonne, bekamen wir viele Wolken zu sehen. Anders als gedacht, aber auch schön.

Die Aussicht aufs Meer war gigantisch. Die Lichter der Fischerboote auf dem Meer draussen waren wie Glühwürmchen am Horizont. So schön. Wir genossen unser Frühstück (wer hätte es gedacht: Toast mit Käse) in unseren Schlafsäcken eingewickelt auf der Aussichtsplattform und waren glücklich. Was will man mehr? Und siehe da, plötzlich zeigte sich die Sonne. Also immerhin zwei „Striche“ davon.

Der Abstieg zurück an die Küste war wieder stufenreich, vorbei an taiwanesischen Kühen und diversen Pavillons. Irgendwo teilte sich der Weg. Wir entschieden uns für den alten Wanderweg durchs „Gebüsch“, auch wenn dort „Old trail, be careful“ stand. Also zwängten wir uns an Palmen und Farnen vorbei durch den Dschungel. Eine gelungene Abwechslung zum gepflasterten Wanderweg. Auch wenn Remo ein paar Spinnennetze abräumte − er nahm es mit Humor. 😉

Pünktlich um 9.25 Uhr kamen wir dann am Bahnhof in Daxi an und nahmen den Zug zurück nach Wai’ao. Dort packten wir kurz unsere Rucksäcke um und tranken noch ein leckeres, „typical taiwan beer“ mit Wushiwushi. Gerne hätten wir Wushiwushi beim Abschied umarmt, aber das ist hier anscheinend nicht üblich. Also winkten wir einfach und machten uns gutgelaunt auf in Richtung Bahnhof.

Nächster Stop: Taroko Nationalpark

Weiter gings nach Fushi − am Fusse des berühmten Taroko Nationalparks. Was uns da erwartete und warum wir nun ein 2. Mami hier in Taiwan haben, erfährt ihr im nächsten Beitrag.

3 Kommentare zu „Wai’ao | Wo die Wellen und Berge nach uns ruften

  1. Yolanda Sigrist 22. April 2020 — 14:45

    Euer Reisebericht ist einzigartig: spannend geschrieben und mit großartigen Fotos illustriert.

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    1. Vielen Dank. Es freut uns sehr, dass dir unser Reisebericht gefällt. Liebe Grüsse nach Obwalden

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