Tainan | Wo «Vollgas» eine neue Bedeutung erhielt

Tainan | 3. – 5. Juni 2020

Die Strasse von Alishan schlängelt sich runter an die Küste. Kurve für Kurve führt die enge Strasse ins Tal. Wir freuten uns auf die Fahrt, da wir nochmals auf ein paar schöne Ausblicke hofften. Doch unsere Vorfreude verflog schnell.

Fast wie auf der Achterbahn warf es uns im Sitz hin und her. Der Busfahrer rasste nämlich in einem Affenzahn um die Kurven, überholte „langsame“ Autos und Busse oder sogar Betonmischer vor uns und hielt bei den Haltestellen gerade so lang, dass sich die Leute knapp aus dem „Raser-Bus“ retten konnten. Jedes Mal wenn eine ältere Person aussteigen wollte, beteten wir darum, dass die magere Gestalt nicht an der Frontscheibe enden würde. 😅

Ja, wir hätten uns in diesem Moment gerne unsere rücksichtsvollen Obwaldner Postauto-Chauffeure hergewünscht. Unser „Geister-Chauffeur“ hätte die Strecke Sarnen-Stöckalp locker in unter 10 Minuten zurückgelegt.

Wir waren uns unsicher, warum der Chauffeur so rasste. Vielleicht weil er rechtzeitig auf das Mittagessen in Chiayi sein wollte oder bei seiner Frau gerade die Wehen gestartet hatten?

Ihr könnte euch also vorstellen, wie gottenfroh wir waren, als wir heil in Chiayi angekommen waren und auch das Aussteigen überlebt hatten.

Die Zugfahrt nach Tainan war dagegen gleich ein Wellness-Urlaub. Unser Puls beruhigte sich wieder und wir freuten uns auf die Dusche in unserem nächsten Hotel. Wir hatten ein Hotelzimmer gleich neben dem Bahnhof für CHF 8.− pro Nacht gebucht. Was uns da wohl erwartete?

Umso überraschter waren wir, als wir das Zimmer betraten. Es war ein grosses Zimmer mit einem bequemen Bett und einem riesigen Badezimmer. Und alles piccobello-sauber. Was für ein Glücksgriff.

Bei 36 Grad im Schatten machten wir uns zu Fuss los, um uns in der Nähe umzusehen.

Später wollten wir uns einen Roller mieten. Doch wer hätte es gedacht: Ohne taiwanesischen oder internationalen Führerschein war das wiederum ein Ding der Unmöglichkeit. Der eine Rollervermieter hatte wohl etwas Mitleid mit uns und vermietete uns einen E-Roller. Max. Geschwindigkeit 30 km/h. Eigentlich war dieses „Töffli“ wohl für eine Person gedacht, aber wir quetschten uns zu zweit darauf und waren froh um diesen fahrbaren Untersatz.

Ich fand diese entschleunigte Art unterwegs zu sein eigentlich ganz praktisch. So hatte ich auf dem hinteren Platz mehr Zeit, um Fotos zu machen. Und einen angenehmen Fahrtwind gab es auch bei 30 km/h. Doch Remo war es wohl etwas peinlich, als uns sogar Rennvelofahrer überholten. 😅

So tuckerlten wir dem Hafen entlang und weiter zum Meer. Die steile Brücke, die dazwischen lag, schafften wir knapp mit ca. 10 km/h. Die Autofahrer, die uns überholten, lachten sich wohl ins Fäustchen.

Im Meer waren drei Leute am Surfen. Wie das bei diesen Mini-Wellen möglich war, ist uns ein Rätsel. Die Wellen waren noch kleiner als in Nanwan.

Weiter ging unsere Fahrt Richtung Anping. Unter anderem schauten wir uns da die grosse Fort Zeelandia an − einfach von aussen. Wir waren zu müde für einen Museumsbesuch und geschichtliche Details. Schliesslich waren wir bereits seit 12 Stunden auf den Beinen. Wir schlenderten noch kurz durch die Old Street. Dieser Stadtteil hat wirklich Charme.

Dann ging es an den berühmtesten und ältesten Night Market von Taiwan, dem Garden Night Market. Wir waren früh dran. Einige Stände wurden erst aufgebaut. Nebst Essenständen hatte es hier auch viele Waren- und Spielstände. Wir gönnten uns leckere Sushi und einen mit Liebe zubereiteten Burger. Auch ein Moji-Dessert durfte bei mir nicht fehlen.

Vom Muskelkater geplagt machten wir uns anschliessend auf den Rückweg ins Hotel. Auch bei Dämmerung machte diese „alte“ Stadt einen guten Eindruck. Wir waren gespannt, was es hier noch alles zu entdecken gibt.

Erkundungstour durch Tainan

Unser Körper schrie nach Schlaf. Den bekam er auch. Wir stellten keinen Wecker und erwachten erst nach 11 Uhr. Das passte ganz gut. Wir wollten sowieso nicht den ganzen Tag auf unserem unbequemen 1-Sitzplatz-Pfupferli unterwegs sein. Es waren 37 Grad angesagt.

Nach einem typisch taiwanesischen Zmittag schauten wir uns die Fort Provincia an. Diese alte Festung wurde damals von den Holländern gebaut, als diese Taiwan besetzten. Zwischenzeitlich wurde die Fort als Lazarett und Unterkunft genutzt und steht nun seit ein paar Jahren als historisches Museum für Besucher bereit. Im Vorgarten fanden Grabungen statt. Was sie dort wohl finden wollen?

Remo’s Highlight war der Teich neben der Fort. 😂 Dort konnte man nämlich Fische füttern. Karpfen in allen Grössen und Farben.

Im oberen Stockwerk der Fort befand sich ein Gabentempel für Lord Kui Xing, der chinesische Gott der Prüfung. Auf seinem Altar war eine Box mit Bleistiften aufgestellt. Man durfte einen auswählen, wenn es die Götter befürworteten. Dazu wirft man die roten Halbmondhölzchen, Jiaobei genannt, in die Höhe und wartet ab, wie sie fallen.

Jedes Holzstück hat eine flache und eine abgerundete Seite. 

  • Fallen beide mit der flachen Seite nach oben, ist die Frage irrelevant. Der Gott lacht.
  • Wenn beide mit der runden Seite nach oben fallen, heisst das „Nein“.
  • Nur wenn ein gemischtes Resultat erscheint, heisst das „Ja“.

Es war wirklich ein Nein. Ich habe dann einfach nochmals geworfen. 😁

Und siehe da, bereits beim zweiten Versuch klappte es. Nach dem „Ja“ von den Göttern und einer kleinen Spende, durfte ich einen Bleistift auswählen. Danke Lord Kui Xing.

Auf diese Weise befragen die Gläubigen in den Tempeln von Taiwan ihre Götter übrigens zu diversen Anliegen. Das „Klack klack“ der Hölzchen ist ein Geräusch, dass man eigentlich bei jedem Tempelbesuch hört. Das durften wir ja bereits in Taipeh erleben. Und auch die Einheimischen hier geben sich nicht immer gleich mit der ersten Antwort zufrieden. 😉

Anschliessend ging es zum grössten Mazu Tempel der Stadt. Mazu, die Göttin des Meeres, ist aber nicht nur in Tainan sehr beliebt und von hohem Ansehen. In ganz Taiwan soll es über 800 Tempel geben. In Tainan selbst hat es 16 Mazu Tempel, die der Schutzgöttin der Fischer und Seeleute gewidmet sind.

Einen weiteren Stopp legten wir im Blueprint Culture Park ein. Das ist ein cooler, kreativer Ort mit vielen kleinen Shops. Unter anderem findet man dort auch Postkarten-Gestalter, Schmuck-Hersteller und Hunde-Kleider-Designer. Ja, richtig gelesen. 😂

Die Wände der Bauten diente als Leinwand für schöne Bilder und lustige Karikaturen. Auch das „blaue“ Häuschen mit den 2D-Zimmern gefiel uns.

Nachdem wir unser E-Roller zurückgebracht hatten, liessen wir den Nachmittag in einem gemütlichen Café ausklingen. Zeit zum Recherchieren. Denn die nächste Stadt wartete bereits auf uns.

Weiter geht’s nach Kaohsiung

Welche bombastischen Fotosujets dort auf uns warteten und wieso wir beinahe zum Buddhismus konvertiert wären, erfahrt ihr im nächsten Blog.

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